Das Stadtrechtsprivileg für Bevergern vom 25. Juli 1366
   

 
Das Stadtrechtsprivileg für Bevergern vom 25. Juli 1366
(Staatsarchiv Münster, Stadt Bevergern, Urkunde 1)
Amtliche Übersetzung der Originalurkunde durch
das Staatsarchiv Münster im Juli 1964
 
Wy Nicolaus, greve to Thekeneborgh, unde Otto, syn sone, doet kundlich allen luden, de dessen yeghenwordi[g]en bref seet unde horet lesen unde betughet dar an openbare, dat wi hebben ghegheven unde ghevet in dessen breve e[...]sse stede olde vryheit to unser buorch unde to unsen wigbelde ton Bevergheren, enbynnen unde enbuten umme langh alzo vere, alzo de ver steyne stat by den ver crucen, dar de vryheit mede ghetekent is, alzo dat desse vriheit sal staen mit underscede, also hir na ghescreven is: Wir Nikolaus Graf zu Tecklenburg und Otto, sein Sohn verkünden allen, die diese vorliegende Urkunde sehen oder sie verlesen hören, und bezeugen damit öffentlich, dass wir unserer Burg und unserem Wigbold zu Bevergern innerhalb und außerhalb und ringsherum bis zu den Stellen, wo die vier Steine bei den vier Kreuzen stehen, die die Grenzen der Freiheit bezeichnen, mit dieser Urkunde diese ständige alte Freiheit gegeben haben und geben, damit diese Freiheit - mit den Einschränkungen, die hiernach aufgeführt sind - bestehen soll:

1.) Ton ersten, wer sake, dat ienich man dar yn vore to wonene, de unsen buorchmannen, mannen, denstmannen unde klosteren tohorden, de in unsen lande bezeten unde beleghen weren, den moghen se navolghen liker wys, of se in eren gude beseten weren unde ane hinder, doch mit underscede: hedden deselven lude hus dar en bynnen unde lant, dat se uote der vryheit boweden unde dar en bynnen, dar en mach des mannes here nicht an hebben, men de ghene, de eme neyste gheboren is, de zal dat bezitten. Enwolde he des nicht besitten, so weret unse[r] unde unser rechten anerven. 1.) Auf Haus und Land innerhalb und außerhalb der Freiheit, das ein Mann bewohnte, besaß und bebaute, der einem unserer Burgmannen, Mannen, Dienstmannen oder Klöstern gehörte, die in unserm Lande Besitz haben oder gelegen sind, kann der Herr dieses Mannes keinen Anspruch erheben, sondern sein nächster Verwandter soll es erben. Will dieser es nicht erben, so fällt es an uns und unsere rechten Anerben.
2.) Vortmer: Ein iewelik man, de in unse vriheit komet, de anderen luden dar en buten to horet, de under uns nicht beseten en synt, den en sal ere here nicht volghen in unse vryheit. Men storve de man, so muchte syn herre doch wol syn erve nemen dar en bynnen, uot gheseghet, hadde he huos dar en bynnen ofte bowede he lant dar ute ofte dar en binnen, dar ne zolde syn here nicht en hebben, men de eme neste gheboren were, alzo hyr vore ghescreven is, de zolde dat bezitten. Unde enwolde hei des nicht bezitten, so weret unse unde unser anerven. 2.) Einem Mann, der sich in unserer Freiheit niederlässt, aber Eigentum von Leuten ist, die unter uns keinen Besitz haben, soll sein Herr nicht in unsere Freiheit folgen. Stirbt dieser Mann jedoch, so hat sein Herr wohl Anspruch auf dessen Erbe, ausgenommen das, das innerhalb der Freiheit liegt. Hatte der Mann innerhalb der Freiheit Land, so hat sein Herr keinen Anspruch darauf, sondern sein nächster Verwandter soll es, wie oben beschrieben, erben. Verzichtet er darauf, fällte es an uns und unsere Erben.
3.) Vortmer: Were yenich man, de dar en bynnen in herberghen, in tavernen ofte in yenigherhande veler zake wat vordede unde des nicht en betalede, zo mochte de velinghes man dat klaghen unsen ammetluden ofte unsen richtere dar en bynnen, de zolde dat demghenen kundich don, dat he ene betalede bynnen verteynnachten. Unde betalede he ene dar en bynnen nicht, zo solde he eme alzo vele pande antworden unvortoghen, dat he syn ghelt an nehmen mochte. 3.) Wenn ein Mann in einer Herberge, einem Gasthaus oder auf irgendeine andere Art und Weise innerhalb der Freiheit etwas kauft, aber nicht bezahlt, so kann der Verkäufer das unseren Amtleuten oder unserem Richter klagen, die dem Käufer eine Frist von vierzehn
Tagen zu setzen haben. Bezahlt der Mann innerhalb dieser Frist nicht, hat er unverzüglich so viele Pfänder zu übergeben, dass der Verkäufer seinen Anspruch daraus befriedigen kann.
4.) Vortmer: Alle vryen, alle denstman unde alle man, de dar in unse vryheit komet to wonene ofte to ligghene umme n[u]lt ofte umme not, de zolen unser vriheit ghebruken also, als desse hat[ve]stene holdet. 4.) Alle Freien, alle Dienstleute und alle Männer, die in unsere Freiheit kommen, um dort zu wohnen oder sich um ihrer Geschäfte willen oder aus Not dort aufzuhalten, sollen sich so an das Recht unserer Freiheit halten, wie es diese Urkunde vorschreibt.
5.) Vortmer zo leghe wy dar en vry market to holdene unde to wesene unde an to stane van des Sondaghes to vespere wente to des Dinschedaghes to prime allen mannen, he sy, we he sy, eynen dach vore unde eynen dach na, vry unde velich ut unde weder to hus to komene. 5.) Wir legen fest, daß dort ein freier Markt gehalten wird, der von Sonntagabend bis Dienstagfrüh dauern soll. Dazu kann jeder - auch am Tage vorher und am Tage nachher - er sei, wer er sei, frei und sicher kommen und wieder abreisen.
6.) Vortmer: Weret, dat ienich man were in unser vriheit, de ghebrek hedde ofte de sik vor andersaten wolde, dat were umme nut ofte umme not, de mochte syn wicbolde gut gheven, vorkopen [unde] vor laten syneme neysten volghere, maghe oder swaghere, oder eyme borghere bynnen deme Bevergheren, weliker dat dar vort bezitten wolde, ende sunder hinder unser unde unser ammetlude. 6.) Wenn jemand in unserer Freiheit Streit hat oder sich anderswo niederlassen will, sei es um seiner Vorteile willen oder aus Not, so darf er sein Gut im Wigbold einem Verwandten väter- oder mütterlicherseits oder einem Bürger in Bevergern als nächstem Nachfolger zum Besitz übergeben, verkaufen und überlassen, und zwar ohne Behinderung durch uns oder unsere Amtleute.
7.) Vortmer: Weret, dat eyn vry man were komen in unse vryheit ofte wif to wonene, de mochten ere erve unde have unde gut gheven, de wile dat se so mechtich weren, dat se spreken unde de hant ute der dekene boren mochten, dat ere gheven unde laten, war se wolden, sunder hinder unser unde unser ametlude, deste se dat dar binnen deme slote vort bezitten wolden. 7.) Ist ein freier Mann oder eine Frau in unsere Freiheit gekommen, um dort zu wohnen, dann können sie, solange sie ihr Erbe, Hab und Gut innerhalb der Tore besitzen wollen, ohne Behinderung durch uns und unsere Amtleute darüber so lange in jeder Weise völlig frei verfügen, wie sie sprechen und ihre Hand unter der Decke hervorstrecken können.
8.) Vortmer: Weret, dat ienighen burghere worden ghegheven gharden umme der vryheit uten van unsen ammetluden unde van deme raetluden, de moghen se unde ere anerven ewelike vry bowen. 8.) Wird einem Bürger von unseren Amtleuten und den Ratmännern außen um die Freiheit herum Gartenland gegeben, so können er und seine Erben es ewiglich frei bebauen.
9.) Vortmer: Weret, dat ienighen borghere beslach ofte kempe worden ghegheven van unsen ammetluden unde van unsen ratluden, de moghen se bowen achte iare to vryen, dan vortmer erflike in den tenden. 9.) Wird einem Bürger von unseren Amtleuten und unseren Ratmännern gehegtes Ackerland oder werden ihm Kämpe gegeben, so darf er das Land acht Jahre lang frei bebauen. Danach kann er es erblich bebauen, muß aber den Zehnten zahlen.
10.) Vortmer den Mersch vor den Bevergheren unde den Solten Wysch by den Roderbroke unde d[a]t Roderbroke nicht to beslane, men to brukene to unsen wicbolde unde de weghe nicht to beslane mit kempen it en sy mit willen unser raetlude. 10.) Der Mersch vor Bevergern, der Soltenwysch beim Roderbrok und das Roderbrok sollen nicht eingehegt werden, sondern als Gemeindeland für den Wigbold benutzt werden. Auch sind die Wege mit den Kämpen nicht einzuhegen, es sei denn mit Willen unserer Ratleute.
11.) Vortmer: Weret, dat ienich man queme in unse vryheit unb[e]screyet, [de] mochte der vryheit bruken na wicbolde rechte. 11.) Wenn ein Mann in die Grenzen unserer Freiheit kommt, so mag er die Freiheit nach Wigboldrecht gebrauchen.
12.) Vortmer hir en boven umme dotslach, umme wunden, umme vuste sleghe, ofte umme alle sleghe bynnen der hut, ofte umme scheltwort, ofte umme ienigherhande sake [d]ar men mede breken mach, of ienich recht des ton Bevergherne entbreke, des men dar en bynnen nicht vinden enkunde unde des hir nicht ghescreven en steit, dat sal men holden in alder mate, also to Linghe eyn recht is also, alze unse vor varen den van Lynghe al[se] recht ghegheven unde ghehalden hebbet. 12.) Totschlag, Wunden, Faustschläge, alle Schläge, bei denen kein Blut geflossen ist, Scheltworte und alles, womit irgendein Recht zu Bevergern gebrochen wird, worüber aber im Bevergerner Recht nichts zu finden und hier nichts geschrieben ist, soll nach alter Weise so geahndet werden, wie es zu Lingen Recht ist, nämlich so, wie es unsere Vorfahren denen zu Lingen als Recht gegeben und gehalten haben.
13.) Vortmer: Wer ienich burghere in unser vriheit ofte syn ghesinne, [de] en messer toghe in ernste muode, de breke vif Mark in unsen heren, eyn ghast eyns so vele. 13.) Zieht ein Bürger oder jemand aus seinem Gesinde in unserer Freiheit mit bösem Vorsatz ein Messer, so verwirkt er als Buße an unseren Herren fünf Mark, ein Fremder doppelt so viel.
14.) Vortmer umme dotslach in unser vr[y]heit, den to beterne na wicbolde rechte. 14.)Totschlag in unserer Freiheit soll nach Wigboldrecht gesühnt werden.
15.) Vortmer: Welich buorghere ofte bur eynen broke duot in unsen wicbolde ane dotslach, den en sole wy ofte unse ammetlude unde nemant [ander] van unser weghene vaen ofte an tasten, deste he also vele hebbe bynnen deme wicbolde, dat he den broke beteren kunne. Mer men sal den burghere oder bur uteren vor deme richte, unde he zal beteren vor deme richte unde rade na wonheit des wicboldes. 15.) Bricht ein Bürger oder Bauer das Recht, so sollen - ausgenommen bei Totschlag - weder wir noch unsere Amtleute oder sonst jemand ihn ergreifen, wenn er im Wigbold so viel besitzt, dass er den Rechtsbruch büßen kann, sondern man soll den Bürger oder Bauern vor das Gericht laden, damit er vor dem Gericht und Rat nach Gewohnheit des Wigbolds büßt.
16.) Vortmer umme alle broke, dar men des richtes to behovet, dar hevet dat richte den dridden deel an unde de stat de twe, deste de broke beneden twen Schillinghen sy. 16.) Wird das Gericht mit einem Rechtsbruch befasst, so erhält das Gericht, wenn die Buße unter zwei Schilling liegt, ein Drittel und die Stadt zwei Drittel von der Buße.
17.) Vortmer: We sik enes tughes vormet vor deme richte unde den volvoren wyl, als en recht is, wort he des tughes nedervellich, de vorlust de sake unde brekt an unsen heren en Dortmendesche Mark, unde eyn ghast eynes so vele. 17.) Wer sich vor Gericht vermisst, einen Zeugen stellen zu wollen, wie es Recht ist, dann aber diesen Zeugen nicht stellt, der verliert seinen Prozeß und zahlt als Buße an unseren Herren eine dortmundische Mark, ein Fremder doppelt so viel.
18.) Vortmer: We mit wicboldes rechte winnen will, de mut dar weder staen, dat he [dar]mede vorlese. 18.) Wer nach Wigboldrecht klagt, muß gegen sich gelten lassen, dass er nach Wigboldrecht verliert.
19.) Vortmer: Alde worde unde gharden, de bynnen der vryheit begrepen sint, de to den worden horet in unser stat erflike to vryen to bezittene, ane van eyner ieweliken wort yarlikes up Suonte Katerinen Dagh en puont wasses af to ghevene to vullesten unser luchte to antwordene unseme slutere to Thekenebuorgh. 19.) Alle Grundstücke und Gärten, die in der Freiheit liegen und zu den Grundstücken unserer Stadt gehören, können erblich frei besessen werden, jedoch ist von jedem Grundstücke jährlich am Katharinentage (25. November) ein Pfund Wachs, das uns zum Lichte dienen soll, an unseren Schlossverwalter zu Tecklenburg abzugeben.

Alle desse vorscrevenen stucke unde articule, de wille wy holden unde waren to wicbolde rechte, alzo hirvore ghesreven is unde alzo to Linghe en recht is, an al unser macht. Unde willet de gheholden unde ghewaret hebben van unsen erven unde nakomelinghen unde van alle unsen undersaten unde van al den ghenen, de [it] umme unsen willen doen unde laten willet, sunder ienigherhande arghelist. Unde up dat dit stede, vast unde unvorbroken blive, so hebbe wy, Nycolaus, Greve to Thekeneburgh vor[g]enomyt, [unde] Otto, syn zone, unse ynghezeghele to dessen ieghenwordighen breve ghehanghen. Alle diese aufgeführten Stücke und Artikel wollen wir als Wigboldrecht mit aller unserer Macht so halten und bewahren, wie es hiervor geschrieben und zu Lingen Recht ist, und wir wollen, dass sie von unseren Erben und Nachkommen, von allen unseren Untertanen und all denen, die nach unserer Weisung etwas tun oder unterlassen, gehalten und gewahrt werden, und dies ohne alle Arglist, damit die Stadt fest und ungeschmälert erhalten bleibe. Deshalb haben wir, der vorgenannte Nikolaus Graf zu Tecklenburg und sein Sohn Otto, unsere Siegel an diese vorliegende Urkunde gehängt.

Ghegheven unde gescreven na Godes ghebort, do men tellede unde scref dusent iar, drehundert iar, in deme ses unde zestighesten yare, up Sunte Jacopes Dach, des hilghen Apostoles. Gegeben und geschrieben, als man nach Gottes Geburt das Jahr 1366 zählte und schrieb, am Tage des heiligen Apostels Jakob, dem 25. Juli.